Analoge Netzwerke haben ausgedient

2021-10-02T16:23:10+02:0023. September 2021|Tags: , |

PRO

von Iris Gordelik

„Karrieristen investieren ihre Zeit am besten bei Rotary, Lions, Freimaurern oder anderen Elite-Clubs und bauen dort ihre persönlichen Seilschaften auf.“ Solch eine Aussage mutet für mich antiquiert und längst überholt an. Fakt ist: Im beruflichen Kontext spielen Netzwerke eine enorm wichtige Rolle. Über 70 Prozent aller Stellen werden über Netzwerke und nicht über den sogenannten öffentlichen Stellenmarkt besetzt.

Fakt ist: Persönliche Kontakte sind werthaltiger als Follower oder digitale Kontakte, mit denen man noch keine nachhaltige Verbindung aufgebaut hat oder gar noch nie persönlich gesprochen hat.

Damit plädiere ich sehr für persönliche Netzwerke, belastbare Verbindungen, nachhaltige Beziehungen, die darauf aufbauen, dass man sich vertraut und gut kennt.

Doch ich beobachte, dass analoge Events wie Clubs, Messen oder Kongresse an Bedeutung verlieren. Digitale Events und Social Media-Netzwerke sind die neuen Elite-Clubs für Leute, die Karriere machen wollen.

Virtuelle Events und Begegnungen sind potenziell effizienter, haben das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis, sind vielfältiger, umweltfreundlicher und unabhängig vom eigenen Wohnort. Vor allem können sich Teilnehmer besser finden und miteinander vernetzen. Wer findet schon unter Tausenden von Messebesuchern in zwei Tagen genau seine idealen Gesprächspartner? Auf digitales Matchmaking wird in Zukunft niemand mehr verzichten wollen und können.

Die Kunst liegt darin, aus den Kontakten aus der digitalen Welt dann persönliche Beziehungen werden zu lassen. Das bedeutet, dass man sich vielleicht sogar persönlich trifft. Auch wenn ich gleichzeitig davon überzeugt bin, dass sich eine vertrauensvolle Beziehung auch via Zoom & Co aufbauen und pflegen lässt.

Für mich wird daher ein Schuh daraus, wenn man es so formuliert: „Karriereorientierte Menschen investieren ihre Zeit am besten in digitale Netzwerke, investieren dort gezielt in den Beziehungsaufbau und gewinnen so wertvolle, persönliche Kontakte.“

CONTRA

von Vera Hermes

Niemals. Wer Karriere machen will, muss in der Regel nicht nur die richtige Leistung bringen, sondern auch die richtigen Fürsprecher haben. Die hat er oder sie unter Umständen schon im Internat, auf der Privatuni oder in der Jugendorganisation einer Partei oder Organisation kennengelernt. Vielleicht hat man auch gemeinsam im Assessment Center bei McKinsey gesessen, als Junioren miteinander im Projektteam einer Bank gearbeitet oder ist im selben Alumni-Club.

Wer in jungen Jahren das richtige analoge Netzwerk aufbaut und mit diesem Netzwerk Erfahrungen teilt und älter wird, wird einfacher Karriere machen als jemand, der eine riesige LinkedIn- oder Xing-Gemeinde hinter sich versammelt, aber im wahren Leben leider keinen davon gut kennt.

Bedauerlicherweise ist immer noch die Herkunft der größte aller Karriere-Booster in Deutschland – wer aus einer guten Familie kommt, eine gute Ausbildung genießen durfte und somit eben auch über gute Beziehungen verfügt, hat’s leichter. Julia Friedrichs, Autorin des höchst lesenswerten Buchs Gestatten: Elite“ hat mal in der ZEIT geschrieben, die zentrale Regel der Einflussreichen sei: „untereinander vernetzen, nach außen dichthalten“. Digitale Kontakte sind von der Qualität solcher analogen Netzwerke Lichtjahre entfernt.

Und wenn Sie mir nun immer noch nicht glauben mögen, dann denken Sie doch mal ans zähe Ringen um die erste Corona-Impfung zurück: Wie viele Menschen kennen Sie, die früher als andere an die Impfung kamen, weil sie mit einem Arzt/ einer Ärztin befreundet waren? Ich kenne eine Menge davon. Diejenigen, die sich auf die digitalen Wartelisten gesetzt hatten, bekamen zwar auch ihre Impfung … aber später.

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