Die neue Menschlichkeit

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März 2020: Die Homeoffice-Jünger jubelten. Corona hatte Europa fest im Griff. Sogar Kundendialog wurde plötzlich aus dem Homeoffice möglich. Das, was jahrelang angesichts von Datenschutz unmöglich schien, war plötzlich Realität. „Geht doch!“ hallte es zufrieden aus den sozial-medialen Resonanzräumen der digitalen Nomaden und ihrer Gefolgsleute.

Büros sind Arbeitsorte der Vergangenheit. Stimmt das?
Ein Blick zurück gibt Klarheit.

Zwei Monate später, im Mai 2020, sah die Situation schon ganz anders aus. Die Zahl der Mitarbeitenden im dauerhaften Homeoffice hatte sich von 30 auf 15 Prozent halbiert. Jeder Fünfte arbeitete immerhin wieder einige Tage in der Woche im Büro. Das Homeoffice ist also nicht die Arbeitsform der Zukunft. Wie sieht sie aus, die Arbeitswelt? Wo sind sie, die Arbeitsorte der Zukunft? Zeit für eine empirisch fundierte Prognose.

Die genannten Zahlen der Universität Mannheim machen ganz anschaulich, dass die vielen Homeoffice-Jünger im Wesentlichen einer Schimäre nachlaufen. Adidas-CEO Kasper Rorsted hat bei diesen folgerichtig einen kleinen Shitstorm losgetreten, als er das Homeoffice in einem Interview im Dezember des vergangenen Jahres als kreativitätsfeindlich bezeichnete. Viele Mitarbeitende im Kundendialog wollten nach einigen Wochen am heimischen Küchentisch nur noch eines: zurück in die Büros. Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung ist bei 2 Zimmer/Küche/Bad nämlich gar nicht so einfach.

Unternehmen – die unfreiwilligen Revolutionäre

Tatsache ist aber auch: Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen zwölf Monaten so stark verändert wie vielleicht zuletzt zur Zeit der Industrialisierung. Für die Wahl der Arbeitsorte hat die unfreiwillige digitale Revolution in deutschen Unternehmen Folgen: Neben der Zentrale werden immer mehr Mitarbeitende in der Zukunft wohnortnah tätig sein wollen. Und das Homeoffice – wenn es denn gut gemacht ist – ist ebenfalls ein gleichberechtigter Ort der Leistungserbringung. Immerhin mehr als die Hälfte der Beschäftigten kann einer DAK-Studie zufolge im Homeoffice sogar produktiver arbeiten als am normalen Arbeitsplatz.

Ein Beispiel eines großen deutschen Dialogdienstleisters zeigt: Standorte schrumpfen, Mitarbeiter wollen hybrid arbeiten und Büro und eigene Wohnung kombinieren. Es ist die jeweilige Aufgabe, die den Arbeitsort determiniert. Vermeintlich günstige und große Standorte am Rande der Metropolen werden nicht mehr ausgelastet und zugunsten kleiner, innenstadtnaher Standorte aufgegeben. Diese Standorte im Zentrum sorgen für einen kurzen Arbeitsweg und bieten auch die Möglichkeit einer flexiblen und damit wirtschaftlichen Nutzung dank Coworking, Cafés oder Eventflächen.

Eines hat die Pandemie ebenfalls geschärft und in der Entwicklung deutlich beschleunigt: das Bewusstsein der Führungskräfte für das Wohl ihrer Mitarbeitenden. Die Anerkennung, dass Mitarbeitende nicht nur eine Nummer auf der Payroll, eine optimal zu planende Ressource für die Produktion von Kundenservice sind, hat sich durchgesetzt. Mitarbeitende wurden ernst genommen mit ihren Ängsten in der Pandemie, aber auch mit ihren ganz persönlichen Bedingungen im Homeoffice. Unternehmen und Belegschaften hatten die Chance, gemeinsam optimale Bedingungen für einen optimalen – einen wirtschaftlich effizienten und für Mitarbeiter und Kunden wertschätzenden – Kundenservice zu erfinden. Einige Unternehmen haben diese Ausnahmesituation genutzt und sich langfristig besser aufgestellt.

Drei wertende Beobachtungen:

1. Viele Büros sind überflüssig. Und das ist gut so.

Die Zentrale wird auch in der Zukunft der sinnstiftende Hort der Arbeitgebermarke sein. Dieser Host schafft Identität, ist attraktiv und imagebildend. Aber die Zeit der seelenlosen Großraumbüros, die sich an den Rändern der Metropolen aneinanderreihen, ist vorbei. Flächenvorgaben für den einzelnen Arbeitsplatz lassen sich durch die Kombination von Host und Homeoffice und die flexible Nutzung von Flächen intelligenter umsetzen als durch das dichte Platzieren von kleinen Arbeitsplätzen in Reih und Glied. Eine österreichische Bank kann so einerseits strenge Quadratmeter-Vorgaben erfüllen und andererseits die Bank-zentrale zum kreativen Arbeitsort und Treffpunkt für Mitarbeitende und zum offenen Servicepoint für Kunden entwickeln. Hier wird die Marke erlebbar – für Mitarbeitende und Kunden. Gleichzeitig wird ein echtes Omnichannel-Konzept am Standort realisiert: vom Chat über Video bis hin zur Präsenzberatung.

2. Kleinere Einheiten erhöhen die Resilienz und schaffen neue Urbanität.

Die wohnortnahe Arbeitsstätte, dank der sich Familie und Beruf perfekt verbinden lassen und vielleicht so manche längst „abgeschriebene“ Immobilie wieder zum Leben erwacht, bietet eine Arbeitsmöglichkeit in der eigenen „Hood“. Ohne lange Pendelwege und in direkter Nähe zu Schule oder Kita finden Mitarbeitende alle Infrastruktur vor, die sie für ihre Arbeit benötigen. Auch hier zeigt eine Bank im deutschen Norden, wie alle Kanäle aus einem Beratungszentrum heraus bedient werden können. Gleichzeitig bieten ein Café und eine Eventfläche in einer ehemaligen Problemimmobilie in A-Lage Anlaufpunkte für zukünftige Mitarbeitende und Kunden. Auch städtebaulich überzeugt dieses Konzept auf ganzer Linie, weil keine weitere Bankfiliale mit Automatenhalle entstanden ist, sondern ein markengetriebener Anziehungspunkt, ein Treffpunkt für Menschen.

3. Homeoffice ist ein fester Bestandteil der Arbeitswelt – wenn es gut gemacht ist.

Und natürlich wird das Homeoffice auch in der Zukunft einen hohen Stellenwert für viele haben. Die Aufgabe ist, Mitarbeitenden das richtige Handwerkszeug für Produktivität und Erfolg mitzugeben. Hier schaffen „coole Module“ für das Zuhause die Verbindung zum Arbeitgeber – funktional durch optimale IT-Anbindung und emotional durch außergewöhnliches Design passend zur Markengestaltung des Arbeitgebers. Dass das Homeoffice außerdem allen rechtlichen und ergonomischen Anforderungen gerecht wird, ist selbstredend. Die Module des Homeoffice integrieren sich in die unterschiedlichen Lebenswelten der Mitarbeitenden – vom Officetainer im Garten bis zum smarten Sekretär oder Sessel im richtigen Corporate Design. So wird das Homeoffice zum qualitativ hochwertigen Arbeitsort, für dessen Gestaltung und Ausstattung der Arbeitgeber in der Pflicht ist.

Unternehmen an der Weggabelung

Die Beispiele zeigen: Wer in der Zukunft ankommen will, muss heute starten, das große Ganze in den Blick nehmen, Mitarbeiter motivieren und einbinden. Die richtigen Standorte und Immobilien für Host oder Hood sind vorhanden, die coolen Module für das Homeoffice auch. Bauliche Herausforderungen wie eine gestaltete Geräuschkulisse und Wohlfühlklima sind auch für die Open Spaces des Kundendialogs längst gelöst. Wichtig ist, die Menschen-zentriertheit der aktuellen Zeit aufzunehmen, gut zuzuhören und gemeinsam mit den Mitarbeitenden eine individuelle Arbeitswelt ganzheitlich zu entwickeln – mit der Möglichkeit verschiedener Standorte, aber immer mit dem verbindenden Element einer gemeinsamen Qualitäts- und Serviceorientierung. Excellence im Service braucht gute Mitarbeitende. Gute Mitarbeitende brauchen gutes Handwerkszeug bei Raum und IT.

Text: Sandra und Michael Stüve

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