Die vier platonischen Kardinaltugenden

Zugegeben: Tugenden sind ein großes, ein sehr großes und zunächst auch mal ein abstraktes Thema. Der Begriff „Tugenden“ hat beim ersten Hören etwas Anachronistisches, er scheint etwas aus-der-Zeit-Gefallenes zu beschreiben. Klingt ein bisschen nach Effie Briest, nach Mädchenpensionat, nach Ehrbarkeit und Männern in Frack mit Zylindern. Das ist natürlich Quatsch, denn Tugenden sind nach wie vor wichtig, richtig und gültig. Hinter den Tugenden verbergen sich die Grundwerte, die Gesellschaften zusammenhalten und die – wenn wir sie alle befolgen – das Leben auf dieser Welt einfacher, besser und nachhaltiger machen.

 

Tugenden sind laut Duden „sittlich wertvolle Eigenschaften eines Menschen“. Es gibt viele Tugenden. In dieser vernetzt! konzentrieren wir uns auf die vier Kardinaltugenden. Die wurden schon von den alten Griechen – maßgeblich: Platon und Aristoteles – definiert und zählen darüber hinaus zu den christlichen Haupttugenden: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

 

Mit jeder dieser Tugenden kann man sich ein ganzes Leben lang beschäftigen. Folgende Definitionen sind also zwangsläufig simpel, aber hoffentlich dennoch hilfreich für die weitere Lektüre dieser Ausgabe:

 

Weisheit

 

„ … im weiteren Verlauf bezeichnet Weisheit ein vollendetes Wissen, nicht im Sinne eines wissenschaftlichen Systems, sondern der geistigen Vervollkommnung, die ein Mensch durch Studium und Lebenserfahrung erlangen kann. Schopenhauer fasst das Verständnis von Weisheit in dem Satz zusammen:

 

»Weisheit scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen. Ich würde sie definieren als die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge im Ganzen und Allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, daß sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun überall leitet.« (Paralipomena, § 339).

 

Quelle: Metzler Lexikon Philosophie

 

Gerechtigkeit

 

„Aristoteles differenzierte …, wie Platon, zwischen zwei Arten von Gleichheit im Zusammenleben der Menschen: Die eine ist rein zahlenorientiert, sie ist die arithmetische Gleichheit und gilt etwa unter Geschäftspartnern, von denen der eine dem anderen für ein überlassenes Gut einen entsprechenden Wert schuldet, oder wenn der eine den anderen schädigt und für den verursachten Schaden aufkommen muss. Die zweite Form der Gleichheit hat dagegen qualitativen Charakter und ist bei der Verteilung von Gütern und Ämtern ausschlaggebend. Dabei steht für Aristoteles wie für Platon demjenigen mehr zu, dessen allgemeine Verdienste größer sind.“

 

Quelle: Bayerischer Rundfunk, „Gerechtigkeit im Wandel der Philosophie“

 

Tapferkeit

 

„Die Tapferkeit lässt in Schwierigkeiten standhalten und im Erstreben des Guten durchhalten. Sie reicht bis zur Fähigkeit, für eine gerechte Sache eventuell sogar das eigene Leben zu opfern.“

 

Quelle: Katechismus der katholischen Kirche, 1808  

 

Mäßigung

 

„Die Philosophen der Antike haben sich immer mit der Frage beschäftigt, wie der Mensch zufrieden und glücklich werden kann. Dabei stand das rechte Maß im Zentrum. Schon Demokrit hat festgestellt: ‚Wer das rechte Maß überschreitet, für den wird das Angenehmste zum Unangenehmsten‘. Das können ja heute viele Menschen bestätigen. Später hat Platon die Mäßigung als Tugend mit der Selbsterkenntnis gleichgesetzt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn die Suche nach dem rechten Maß soll seiner Ansicht nach zur Selbsterkenntnis führen. (…) Nach Platon soll der Mensch seine Bedürfnisse gründlich reflektieren, um letztlich Herrschaft über sein Selbst zu gewinnen.“

 

Thomas Vogel, Autor des Buches „Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können“, im Interview mit Geo

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    vernetzt! Ausgabe 22
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    Brennglas Krise und was sie uns (bis jetzt) brachte

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