Einsam in der Jogginghose? Oder: Homeoffice allein macht nicht glücklich

2021-02-18T14:19:01+01:0019. Februar 2021|Tags: , , , , |
Einsam in der Jogginghose? Oder: Homeoffice allein macht nicht glücklich

Karl Lagerfeld rotiert in seinem Grab. Der Mann, der den schönen Satz prägte: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, hat das waist up dressing nicht mehr miterlebt: Taille aufwärts seriös, Taille abwärts im Freizeitlook.

Corona und Homeoffice machten die gemeine Jogginghose im Jahr 2020 zum Verkaufsknaller. Und tatsächlich haben wir mit der Pandemie ja auch die Kontrolle über unser Leben ein gutes Stück verloren. Corona rückte zudem ein paar vermeintliche Grundgewissheiten der Arbeitswelt zurecht. Zum Beispiel, dass das Arbeiten im Homeoffice zu Produktivitätsverlusten führt und den Unternehmen schadet. Das ist klar widerlegt.

Oder dass es freigeistigen Menschen im Homeoffice so gut gefällt, dass sie für immer aufs Büro pfeifen. Auch hier ist Gegenteiliges bewiesen. Viele Menschen sehnen sich danach, mit ihren Kolleginnen und Kollegen zumindest gelegentlich eng zusammenzuarbeiten, und zwar persönlich, live und ganz analog.

Selbst der viel gescholtene Bürotratsch ist inzwischen von Experten als sozialer Kitt erkannt, der für Bindung und Vertrauen sorgt. Die Kaffeeküche entwickelt sich zur schmerzlich vermissten Begegnungsstätte.

Auch die Erkenntnis, dass man gemeinsam meist kreativer ist, setzt sich durch. „Der Mensch stößt im Außenraum auf Fragen, die ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wären. Das Homeoffice ist im Vergleich dazu ein reizarmer Ausschnitt der Lebenswelt“, schreibt die Psychologin Antje Flade im Harvard Business Manager.

Im Homeoffice herrschen Konzentration, Fokussierung, Effizienz. Die Arbeit im Büro sorgt für Inspiration, Kreation, Innovation.

Ein weiteres Vorurteil ist widerlegt: Insbesondere diejenigen, von denen man annahm, sie seien besonders Homeoffice-affin, leiden am stärksten unter Einsamkeit und Führungslosigkeit – die unter 30-Jährigen kommen mit dem Homeoffice am schlechtesten zurecht; wobei solche Umfragewerte immer in Zusammenhang mit den wochenlangen Lockdowns gesehen werden müssen. So mancher würde sich mit der Arbeit von zu Hause aus leichter tun, wenn er morgens zur Laufgruppe, mittags ins Café und abends zu Freundinnen und Freunden gehen könnte.

Insgesamt aber ist die Mehrheit der Menschen, die vor gut einem Jahr Hals über Kopf zum Arbeiten nach Hause geschickt wurden, sehr zufrieden mit der Homeoffice-Erfahrung. Eine überwältigende Mehrheit der Büromenschen kann sich gut vorstellen, nach Ende der Pandemie zwei oder drei Tage in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Oder auch ganz woanders.

Das Handelsblatt schreibt: „Eine solch drastische Umwälzung der Arbeitswelt hat es seit der Verbreitung des Personal Computers vor rund 40 Jahren nicht mehr gegeben.“ Die Zeitung zitiert Stefan Rief, Direktor beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, mit den Worten: „Die Coronakrise hat die Digitalisierung unserer Zusammenarbeit um mindestens 15 Jahre nach vorn gebracht.“

Nun ist Digitalisierung prima – sollte aber nicht als allein seligmachend betrachtet werden. Wer, zum Beispiel aus Kostengründen, seine Mitarbeitenden komplett ins Homeoffice schickt und sie nur noch per Microsoft Teams, Slack oder Telefon führt, macht sie zu „Bürosöldnern“, warnen Experten. Loyalität lässt sich im Remote-Modus nur schwerlich aufbauen, Unternehmenskultur kaum vermitteln.

Es läuft also wie eigentlich so häufig im Leben darauf hinaus, die Balance zu finden – in diesem Fall ein gutes und gesundes Maß zwischen dem 9-to-5-Büroleben und dem pandemiebedingten Zwangs-Homeoffice.

Wollen wir – auch für Karl Lagerfeld und die komplette Fashion-Industrie – hoffen, dass sich als kurzlebiger Trend erweist, was die Vogue für die Männermode im Sommer 2021 prophezeit: „Schreiben Sie es der Annahme zu, dass wir vielleicht nie wieder unsere Wohnungen verlassen werden: Sweatshirts, Jogginghosen und Trainingsanzüge werden wieder zur Luxusmode.“

TIPP

Sie mögen Déjà-vu-Erlebnisse? Dann klicken Sie sich doch unter vernetzt-magazin.de mal in unsere Ausgabe 8, „NEU arbeiten – Ein Heft über neue Arbeitsformen und deren Konsequenzen für unser Leben“ vom 19. September 2013. Vieles von dem, was heute diskutiert wird, war damals schon Thema. Schade, dass erst eine Pandemie kommen musste, um der Debatte über Alternativen zur Büroarbeit einen Turbo zu verleihen.

Text Vera Hermes

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