Hafners Kolumne 24

2021-09-24T10:22:09+02:0023. September 2021|Tags: , , , |
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Kammüllers Karriere

Von Prof. Dr. Nils Hafner

„Ob das mit dem MBA mal so clever war?“, fragt sich Kammüller. Karriere ist ihm wichtig. Er hat ihr alles andere untergeordnet. Keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys, noch nicht mal sein Vorname ist im Unternehmen bekannt. Manche glauben sogar, der Vorname wäre „Abteilungsleiter“. Und das ist er nun schon fünf ganze Jahre. Davor hatte er eigentlich jedes Jahr eine Hierarchiestufe genommen, aber nun scheint sein Glück versiegt. Genau das hatte ihm ja Vertriebsvorstand Oberhund schon bei der Übernahme der Abteilungsleitung prophezeit. „Kammüller, Kammüller“, hatte er gesagt und langsam seinen Kopf von links nach rechts und zurück nach links bewegt, wie man das als Chef halt macht, „so langsam wird die Luft nach oben dünn.“ Damals hatte er das noch nicht gemerkt.

Aber jetzt. Irgendwie scheint es schwerer geworden zu sein. Schon vor dreieinhalb Jahren war er unruhig geworden. Es passierte ja nichts mehr. Hatte deswegen mit dem MBA an einer renommierten Business School angefangen. War sogar (wie Frau Puvogel das ausdrücken würde) für drei Wochen in „Hawad“. Fertig war er vor zwei Jahren. Passiert war im Anschluss nix. Außer, dass ihn alle für „nen cleveren Kerl“ gehalten haben. Das hatte er gemerkt.

Aber so richtig die Erfüllung ist die Führung des CCs für Frau Puvogel nicht mehr. Schon gar nicht aus dem Homeoffice. 635 Leute im Kundenservice aus dem Homeoffice betreuen. Ein Sack Flöhe wäre leichter zu hüten. „Item“, denkt sie und starrt auf ihr Cockpit. Eigentlich enorm, was einem so Berater innerhalb von drei Monaten hinzaubern können, wenn die Zeit drängt. Sie kann alle Kennzahlen ihres Centers in Echtzeit verfolgen. Wartezeit, Servicelevel, Erstlösungsquote, Anzahl der eingeloggten Mitarbeiter*innen (das steht da tatsächlich – die einzige Überschrift über drei Zeilen mit Sternchen) und sogar die Anzahl der wartenden Kunden kann sie für alle drei Warteschleifen sehen. Wow.

Und als im letzten Jahr sein direkter Vorgesetzter Oberabteilungsleiter Manuel Unterhund, Leiter Spezialprojekte, in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war, hatte er sich auf dessen Nachfolge beworben. Es folgte das erste echte Desaster seiner Karriere. Auf dem Stuhl saß nun eine Frau: Viktoria Bosshart. Ein Jahr jünger als er. Ohne MBA. Die Zweifel nagen: War es das mit Karriere? Oberhund hatte ihm erklärt: „Nun, Kammüller, die Bosshart ist wirklich gut. Und unser Unternehmen muss weiblicher werden. Ist alles nicht mehr so einfach wie bei mir früher.“

Das stimmt wohl. Einfach ist da nix mehr. Oberhund hatte mit 21 beim Unternehmen angefangen, war nach zwei Jahren der Topverkäufer, mit 28 Generalagent, mit 35 Regionenleiter und mit 41 Vorstand. Und das nun seit 22 Jahren. Ohne Studium. Na ja, für eine Management-Fortbildung war er mal eine Woche 1997 am Insead gewesen. Seufz. Und ja, in ihrem Unternehmen gab es gerade mal 17 Prozent weibliche Führungskräfte. Trotzdem machte das etwas mit ihm, Kammüller. Es schmerzt …

Die Puvogel hatte das richtig gemacht. Ne gute Idee haben und die dann erst im eigenen Unternehmen einführen, bei Erfolg am Markt ausgründen und dann das eigene Unternehmen aufbauen. Aber dafür fehlt Kammüller noch die Idee. Vielleicht muss man sich mal extern vernetzen. Extern … Das ist mal eine ganz neue Perspektive. Wen kennt er denn „extern“? Da ist Brian aus dem Marketing. Der ist zum Marktführer gewechselt. Hat da Karriere gemacht. „Wo hab ich denn die Nummer?“ Frustriert stellt Kammüller fest: Die Nummer hat er nicht. Vielleicht auch, weil Brian für seine eigene Karriere im Unternehmen plötzlich nicht mehr relevant war. „Wieder so ein Zeichen für meine Fixierung auf hierarchische Karriere hier“, analysiert Kammüller trocken. Analysieren hat er im MBA gelernt.

Dann also LinkedIn. Hat XING ja den Rang abgelaufen. Vor Jahren, wie man gehört hat. Nun denn … „Wie war noch gleich das Passwort …?“ Kammüller klickt auf „Passwort vergessen“ und gibt seine Dienst-Mail an. Funktioniert tadellos. Nicht auszudenken, liefe das auf die private Mail. Moment mal … hat er überhaupt eine private Mailadresse? Und wenn ja, wie lautet sie?

Nach knappen 20 Minuten kann sich Kammüller nach Monaten zum ersten Mal in LinkedIn einloggen. 37 ungelesene Nachrichten. 10 von Beratern, 12 von verschiedenen „Fit for Business Coaches“, 6 wollen ihm beibringen „seinen Social Media-Auftritt zu verbessern“ und wollen dafür wohl Geld. Und eine Nachricht von Brian von vor 9 Monaten. „Treue Seele“, denkt Kammüller und öffnet die Nachricht. „Hi Kammi, altes Haus, wie geht’s, wie steht’s? Hast Du Deinen MBA inzwischen fertig? Ist nett hier beim Marktführer. Schade, dass das mit dem Job vom Unterhund nicht geklappt hat. Aber die Bosshart hat schon ein Top-Profil hier auf Linkedin. Bei uns wird nächste Woche etwas frei. Vielleicht wäre das was für Dich. Lass uns mal bald ein Bierchen zischen.“

Und Kammüller realisiert, dass er offenbar überdenken muss, was er unter „Karriere“ versteht und was er dafür tun sollte …

* Prof. Dr. Nils Hafner ist internationaler Experte für den Aufbau profitabler Kundenbeziehungen. Er ist Professor an der Hochschule Luzern und Alumnus des generationenübergreifenden akademischen Marketing Netzwerks MTP. In seinem Blog „Hafner on CRM“ versucht er dem Thema seine interessanten, spannenden, skurrilen und lustigen Seiten abzugewinnen. Bei Haufe erschien 2018 sein Amazon Nr. 1 Bestseller „Die Kunst der Kundenbeziehung“ in der zweiten Auflage.

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