Spaltung durch Menschen – Neuausrichtung der globalen Elite

2020-11-27T17:13:45+01:0013. September 2017|Tags: , |

 

Die grundlegendste Teilung, die zu Konflikten führt, besteht zwischen dem Volk und den globalen herrschenden Eliten der alten Welt, die über 45 Jahre alt sind. «Eliten sind kosmopolitisch, Menschen sind lokal», sagt Soziologe Manuel Castells, ein Experte vernetzter Gesellschaften. Diese Eliten sind eine äußerst mächtige, aber kleine Personengruppe (es ließe sich darüber diskutieren, ob sie durch meritokratische Prozesse oder Elite-Tribalismus dazu wurden). Die zunehmend losgelöste globale Elite hat zahlreiche Privilegien angehäuft, einschließlich hochrangiger Netzwerke, Steuern und Pässe.

 

Tatsächlich sind Pässe mittlerweile zur ultimativen Luxuswährung geworden: Sie legen Zugangsmöglichkeiten fest und stehen für die Kontrolle über Inklusion oder Exklusion. Der Global Passport Power Rank 2016 listet auf, welche Nationen die mächtigsten Pässe haben, gewichtet nach der Anzahl anderer Länder, die ohne Visum mit einem Pass bereist werden können. Interessanterweise sind global betrachtet Deutschland und Schweden die Nummer 1 in dieser Rangliste, gefolgt von Finnland, Frankreich, der Schweiz, Spanien und dem Vereinigten Königreich auf Platz 2 – somit wird die Liste vollständig von westeuropäischen Ländern angeführt.[1]

 

Globale Eliten können dank ihrer Privilegien tun, was sie wollen, gehen, wohin sie wollen, und werden, was sie wollen. Nathan Gardels, Chefredakteur von TheWorldPost, bezeichnet dieses Phänomen als «entstaatlichte globale Eliten». Diese sind beruflich hoch erfolgreich und arbeiten meist hart, doch sie fühlen sich nicht mehr emotional oder moralisch an eine geographische Einheit gebunden. Das Verhalten dieser kosmopolitischen Elite kann weitreichende Auswirkungen auf den Rest der Welt haben:

 

  • Ist ihnen bewusst, dass sie zunehmend isoliert sind und in getrennten Bereichen und Echokammern agieren?
  • Sind sie gewillt, Werte und Macht mit anderen Menschen zu teilen?
  • Spielt es für sie eine Rolle, dass politische Instabilität, das Scheitern von Staaten und der Terrorismus in der Welt ein bedrohliches Ausmaß angenommen haben?
  • Und sind sie gewillt, ihre relative Macht zu erkennen und ihre privilegierte Position mit den Menschen zu teilen, um mehr Wohlstand und Frieden zu schaffen?

 

Werden die herrschenden Eliten versuchen, als «Davos Men» zu überleben? Vom Politikwissenschaftler Samuel Huntington werden sie als Sippe ziemlich selbstgefälliger Plutokraten beschrieben, die ihre eigenen Investitionen optimieren. Gillian Tett, US-Redaktionsleiter der Financial Times, bezeichnet sie als «Selbsthilfe»gruppe von CEOs, die Informationen austauschen und Solidarität in einer feindlichen Welt verspüren.[2] Die Zukunft wird es zeigen. In jedem Fall wird diese Gruppe von Eliten zunehmend vom Rest der Welt isoliert werden, ihrem Eigennutz verhaftet und tribalen Affinitäten selbstdienlich.

 

Eine vielleicht noch größere Herausforderung besteht darin, dass die herrschenden Eliten noch immer denken, sie könnten die Welt von oben herab regieren. In Wirklichkeit fordert jedoch lokaler Widerstand gegen Prinzipien der Herrschaft und der Kontrolle die traditionelle vertikale Hierarchie heraus. Ein offensichtliches Beispiel hierfür sind die arbeitstätigen Millenials weltweit, die Zusammenarbeit und Inklusion fordern. Sie wollen mit am Tisch sitzen, ein Mitspracherecht haben – und sie sind das Musterbeispiel der Zukunft.

 

Der geistige Raum zwischen den herrschenden Eliten und dem Volk ist stärker gespalten als je zuvor. Robert Kaplan beobachtet in seinen faszinierenden Studien, dass die Eliten die Tatsache unterschätzen, dass sie systematisch an Macht und Kontrolle verlieren. Je weniger sich die Eliten ihrer Herkunftsnation verbunden fühlen und je weniger sie gewillt sind, einem Land zu dienen, desto mehr ergreifen sie stattdessen persönliche Chancen. All das trägt dazu bei, den Nationalstaat zu schwächen. Die Zeitung «Die Welt» beobachtet, dass sich diese neu im Entstehen begriffene Weltordnung scheinbar auf eine relative Anarchie hinbewegt.[3]  

 

Möglicherweise bringen die Eliten der nächsten Generation in den USA einen Hoffnungsschimmer mit sich. Selbst wenn viele gebildete Millenials noch immer unterbeschäftigt sind und damit kämpfen, ihre Studienkredite abzubezahlen, bleiben sie optimistisch und verlieren nicht ihren Unternehmergeist. Mark Zuckerberg und Elon Musk gehören zu den etablierten Eliten der nächsten Generation, die an eine digitale und grüne Wirtschaft glauben und sich für die Prinzipien des Goldenen Zeitalters zu engagieren scheinen. Beide haben enorm grosse Einflusssphären. 

 


 

[1] Passport Index (10/01/2016). Online: www.passportindex.org/byRank.php

 

[2] Tett, G. (1/23/11). Lonely CEOs flee hostile world for self-help group. Online: https://www.ft.com/content/6a77486c-271a-11e0-80d7-00144feab49a 

 

[3] Kaplan, R. (2/7/16). “Was Putin folgen würde, wäre nur noch schlimmer.” Online: https://www.welt.de/politik/deutschland/article151873900/Was-Putin-folgen-wuerde-waere-nur-noch-schlimmer.html

 

 

Von Dr. David Bosshart

Dr. David Bosshart ist CEO des renommierten Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Der promovierte Philosoph ist Autor zahlreicher internationaler Publikationen und weltweit tätiger Referent. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Zukunft des Konsums, der gesellschaftliche Wandel, Digitalisierung (Mensch-Maschine), Management und Kultur, Globalisierung und politische Philosophie. Dieser Text ist ein Auszug aus Dr. Bossharts aktuellem Werk „Polarization Shocks”, das wir Ihnen hiermit wärmstens zur weiteren Lektüre ans Herz legen. Und wir danken Dr. Bosshart und dem GDI sehr herzlich für die Abdruckgenehmigung!

www.gdi.ch

 

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