vernetzt! Ausgabe 19 - Vertrauen und Sicherheit - Über eine heikle Beziehung

Stichwort Arbeitsverträge. Sicherheit contra Beziehung

von Iris Gordelik

Es gibt kaum eine Situation im Leben, in der wir – nach nur wenigen Stunden des Kennenlernens – unsere Existenz in fremde Hände geben. Ok, das ist vielleicht etwas spitz formuliert: Aber im Grunde passiert genau das bei einem Jobwechsel. Es geht zum einen um die Wohlfühl- Existenz: Erfüllt mich der neue Job? Erreiche ich meine Ziele? Mögen mich meine Kollegen? Es geht auch um die soziale Existenz, etwa bei einem Umzug: Bekommen wir einen Kita-Platz? Finden wir neue Freunde? Fühlt sich meine Familie wohl? Und natürlich geht es um die finanzielle Existenz. Schließlich wollen Miete oder Hypothek und laufende Lebenshaltungskosten auch bedient werden. Es geht also um ein Riesenpaket an möglichen Risiken.

Nachvollziehbar, dass in dieser Phase Vertrauen und Sicherheit ein Gebilde aus hauchdünnem und höchst zerbrechlichem Glas sind. Umso erstaunlicher ist es, wie ruppig manch händeringend nach Top-Führungskräften suchendes Unternehmen sich in dieser Phase verhält. Als Personalberaterin kenne ich ja beide Seiten und möchte auch eine Lanze für die Unternehmen brechen: Dort sitzen einem Ressort Quartalszahlen im Nacken, stetig steigende Kundenerwartungen und oft führungslose Abteilungen – klar muss ein leerer Stuhl schnell und bestmöglich besetzt werden. Kurzum: Es ist eine für beide Seiten gleichermaßen erwartungsvolle Ausnahmesituation. Und je mehr auf dem Spiel steht, desto brisanter ist sie. Dennoch möchte ich mich auf die Seite des Jobwechslers stellen: Denn sind wir mal ehrlich. Geht bei einem Unternehmen die Besetzung im Topmanagement schief, dann kostet das locker mal eine sechsstellige Summe. Das tut weh. Doch beim Wechsler kann dieselbe Summe existenzbedrohend sein.

Und genau aus diesem Grund lassen sich viele Bewerber auf die folgende Situation ein: zwei, drei Bewerbungsgespräche, die super laufen. Alle haben sich ins Zeug gelegt, sich von der besten Seite gezeigt und um Vertrauen geworben. Final noch einmal den Vorstand kennengelernt und endlich kommt die Zusage und somit der Traumjob und der nächste Karriereschritt. Alle Hoffnungen fußen auf den in den Gesprächen versprochenen Freiheiten, Verantwortungen und Gestaltungsspielräumen. Alle Parteien haben verbal ihr Ja-Wort gegeben.

Und dann kommt der Arbeitsvertrag. Wusch!!!! Wumm!!! Weg ist es. Das Gefühl von „Ja, man will mich“. Das versprochene „Sie dürfen“. Das gefühlte „Sie haben unser Vertrauen“. Stattdessen kommt eine nahezu kriegerisch formulierte Paragrafenattacke samt Verboten, Restriktionen und möglichen Strafen. Nicht selten hat man das Gefühl, mit seiner Unterschrift bereits mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Nun mag das Absichern und Transparentmachen von Risiken seine Ursache vor allem bei unseren Gerichten und deren immer schärfer werdenden Anforderungen an die korrekte Formulierung haben. Aber ich muss kein Arbeitsrechtler sein, um zu spüren, dass zum Beispiel eine Kündigungsklausel gleich auf der ersten Seite des Vertrages einfach psychologisch sehr ungeschickt platziert ist. Offensichtlich hat man bis dato nicht erkannt, dass auch Arbeitsverträge unter Employer Branding-Gesichtspunkten auf den Prüfstand gehören. Ein Vertragswerk ist ebenso Transporteur für die Kultur und Werte eines Arbeitgebers wie eine schicke Webseite.

Einige Unternehmen haben das erkannt und formulieren zum Beispiel die Anrede im Arbeitsvertrag in der Du-Form, wenn dies der Kultur in der Firma entspricht. Das liest sich dann schon sehr viel geschmeidiger. Aber es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, wie man ohne große Aufwand aus einem Misstrauens-Arbeitsvertrag einen Willkommens-Arbeitsvertrag machen kann: Die Tätigkeitsbeschreibung ist oft ultra-mager gehalten. Dabei wurde gerade darüber am ausführlichsten gesprochen. Da wird schnell mal ein bedeutungsloser „Manager“ als Titel genommen, um sich möglichst wenig festzulegen. Aber welcher Bewerber mag schon bedeutungslos sein? Gern folgt hier noch die bekannte Formulierung: „Der Arbeitgeber behält sich vor, dem Arbeitsnehmer jederzeit eine andere ihm zumutbare Aufgabe zuzuweisen“. Das klingt drakonisch – und berücksichtigt überhaupt nicht, dass so ein Wechsel gar nicht nachteilig sein muss. Stattdessen könnte es auch heißen: „Eine Versetzung kann auch im Rahmen Ihrer Karriereentwicklung erfolgen. Hierbei werden wir Sie bei Ihrer persönlichen Entscheidung begleiten und unterstützen.“

Sicher muss ein Vertag arbeitsrechtlich korrekt formuliert sein. Darum ist es ein aufwendiger Prozess, seine Arbeitsverträge einmal komplett auf den Kopf zu stellen. Doch ich bin überzeugt: Der Aufwand lohnt sich und spiegelt wider, was ein Unternehmen doch auch will: eine vertrauensvolle Beziehung.

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