vernetzt! Ausgabe 19 - Vertrauen und Sicherheit - Über eine heikle Beziehung

Stimmt das, Herr Jahn?

Der Mitbegründer der Blockchain-Technologie Ethereum Joseph Lubin sagte unlängst im Spiegel: „Mit der Blockchain haben wir zum ersten Mal ein Verfahren, das menschengemachte Regeln automatisch, nachprüfbar und fälschungssicher umsetzt: Ich nenne es: garantiertes, automatisiertes Vertrauen.


Gunther Jahn: Ein Teenager würde heutzutage auf eine Fragestellung „Stimmt das?“ mit „Bin ich Gott?!“ antworten. Jetzt bin ich ja über mein Teenageralter knapp hinaus und würde es daher etwas diplomatischer beantworten. Zum Beispiel mit „Das ist zum heutigen Zeitpunkt noch schwer zu sagen“ oder „Es ist immer eine Frage, woran man glaubt“.
Bei Blockchain reden wir über etwas Neues, vielleicht sogar Revolutionäres. Etwas, was sich technologisch noch in der Entwicklung befindet. Etwas, an dem in vielen Branchen geforscht wird, wie und wo es sinnvoll zum Einsatz gebracht werden kann. Stimmen aus der Fachwelt sehen in der Technologie noch mehr Impact für die Menschheit, als es das Internet bisher hatte. Das ist mal eine Ansage!

Wir sind es als Führungskräfte und Lenker gewohnt, Entscheidungen zu treffen, eine Haltung einzunehmen. Überzeugung hilft uns, unsere Ziele zu erreichen. Aber auch wir persönlich befinden uns in einer Transformation. Einer Transformation, die schneller und heftiger abläuft, als wir es bisher gewohnt waren. Da kommt jetzt „wieder“ eine neue Technologie ums Eck und wir müssen uns eine Meinung bilden und Entscheidungen treffen. In diesem Fall zu der Frage: Bedeutet Blockchain „garantiertes, automatisiertes Vertrauen“?

Ein weiterer Versuch der sachlichen Erklärung

Wie bei vielen innovativen Ansätzen bedarf es auch bei der Blockchain sein Denkmuster, seine Perspektive neu zu kalibrieren. natürlich immer abhängig davon, welcher Profession man angehört. Für all jene, die mit dem Thema Blockchain noch nicht so vertraut sind, an dieser Stelle einleitend eine schmale Zusammenfassung: Blockchain ist eine Technologie, die es erlaubt, dass sich zwei Parteien vernetzen und eine Transaktion ohne „Mittelsmann“ – zum Beispiel eine Bank oder einen Notar – abwickeln können. Die Transaktionen werden als Datensätze in einem „Block“ gespeichert. mittels Kryptografie werden diese Blöcke miteinander verkettet. mit jeder Transaktion wächst diese Kette („chain“) weiter. Das Ganze findet in einem dezentralen Peer-to-Peer Netzwerk statt, in dem die Transaktionen verifiziert, validiert und in Blöcken zusammengefasst werden. Zur Ausfallsicherheit werden die Daten mehrfach dezentral abgespeichert. Daten, die einmal in einer Blockchain geschrieben sind, sind unveränderlich und vor Manipulation und Löschung gesichert.

Interessante Anwendungsbeispiele gibt es inzwischen ja einige im Netz zu finden. Persönlich finde ich die Youtube-Videos von Fraunhofer InnoVisions (Anwendungsfälle) recht aufschlussreich.

Die Vorteile liegen auf der Hand

Glauben wir also der Fachwelt, brauchen wir uns als Privatpersonen oder Unternehmer keine Gedanken zu machen, denn die Blockchain bietet

  • Integrität der Daten durch Unveränderbarkeit
  • Zuverlässigkeit durch Dezentralität
  • Geschwindigkeit und Einfachheit durch weniger Prozessbeteiligte
  • Transparenz durch Nachvollziehbarkeit

Was soll da noch passieren? Rationell betrachtet hört sich das gut an. Auch aus emotionalem Blickwinkel hat das was. Man könnte also dazu neigen, dieser Technologie zu vertrauen.

Und die Rückseite der Medaille?

  • 1. Aufgrund riesiger Datenmengen nicht beliebig skalierbar
  • 2. Herausforderungen bei der Einbindung in aktuelle IT-Landschaften
  • 3. Geringere Performance durch Dezentralität
  • 4. Enormer Stromverbrauch
  • 5. Risiko der Netzwerkfragmentierung hinsichtlich der Akzeptanz bei Udates und Weiterentwicklungen
  • 6. Verantwortlichkeit in dezentralen Systemen
  • 7. Einzelpersonen und Unternehmen werden durch die Transparenz gläsern

Ups, da waren sie wieder – die Zweifel

Die fünf erstgenannten Nachteile sind technischer Natur. Hier habe ich jedoch vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten der Erdbewohner, diese zu lösen. Der Zeitraum dafür ist offen. Da Prozesskosten für Unternehmen wesentlich ergebnisrelevant sind, habe ich sogar Hoffnung, dass in diesem Fall der Energieverbrauch und somit das Zugrunderichten unseres Planeten nicht billigend in Kauf genommen wird. Betrachten wir die oben genannte Verantwortlichkeit in dezentralen Systemen – diese können wir technisch nicht lösen. Verantwortung hat etwas mit Haltung zu tun. Haltung dazu, Verantwortung abzugeben und zu übernehmen. Haltung dazu, Veränderungen zu gestalten und/oder anzunehmen. Die zahlreichen und trendigen Agilisierungsprojekte in den Unternehmen zeigen auf, dass diese selbst in kleinen Organisationseinheiten oft eine nicht unwesentliche Herausforderung sind.

Wie soll das dann in einem globalen Netzwerk mit multiplen Einflussfaktoren funktionieren? Unser Werte- und Denksystem muss sich verändern. Jeder muss bereit sein, Teil dieses Systems zu sein. Wie haben wir noch vor zehn, fünf oder weniger Jahren unsere Unternehmen und Teams geführt? Jeder hat hier seine eigene Geschichte und Transformation durchlebt – oder steht noch davor. Sicher wird dieser Wandel nicht bei allen knapp 7,7 Milliarden Menschen nötig sein. Wenn nur 0,1 Prozent davon (=7,7 Millionen) weltweit an kleineren und größeren Steuerrädern steht, bedarf es schon eines großen Glaubens an die Wandlungsfähigkeit des Gewohnheitstieres Mensch, um nicht schwarzzusehen hinsichtlich der Verantwortlichkeit bei der Blockchain. Zumindest ist es schwer vorstellbar, weil wir es noch nicht erlebt haben und auf die Vergangenheit referenzieren.

Weiter mit der oben genannten Akzeptanz zur enorm steigenden Transparenz. Für den Privatbereich sehe ich keine großen Hürden. Ich erwähne hier nur die Rekordzeit beim Akzeptieren neuer Geschäftsbedingungen im Internet, das Veröffentlichen von Privatem auf sozialen Netzwerken oder Bedingungen bei der Erlangung eines online-Kredits. es wird einfach mal darauf vertraut, dass es sicher ist – trotz bekannter Gegenbeispiele. Vor zehn Jahren noch unvorstellbar.

In der Wirtschaft sieht es da schon anders aus. Plötzlich werden Sachverhalte transparent, die bisher im Verborgenen waren und einen legalen Wettbewerbsvorteil bedeuten. Andererseits hat es auch den Charme, dass kriminelle Machenschaften unterbunden werden können und somit der Weg in eine friedlichere und sicherere Welt geöffnet wird. Wenn das mal kein Argument ist! Jedoch denke ich, daraus entstehen wieder neue – kriminelle – Ideen und neue Wege, diese zu verbergen. Das ist nun mal die Natur des Menschen und gehört zur Evolution – leider.

Zurück zur Kernaussage

Joseph Lubin spricht von einem „garantierten, automatisierten Vertrauen“. „Garantie“ und „Vertrauen“ sind in Bezug auf einen automatisierten Prozess im Internet schon schwerwiegende Worte. Wir beschäftigen uns in unserem Unternehmen intensiv mit RPA (Robot Process Automation) und auch KI, von daher stehe ich der Automation vom Grundsatz her sehr aufgeschlossen gegenüber. Dennoch tue ich mich mit meinem Wertegefüge schon etwas schwer, in die Aussage von Joseph Lubin einfach mit einzustimmen. Vielleicht hat es aber auch nur mit der Semantik der Begriffe zu tun. Der gute Duden definiert Garantie als „einen bestimmten Sachverhalt betreffende verbindliche Zusage, [vertraglich festgelegte] Sicherheit“. Das bedeutet also, die Blockchain garantiert uns ein automatisiertes Vertrauen. Wir bekommen also von einer Technologie, die von Menschenhand entwickelt wurde, eine verbindliche Zusage, dass Vertrauen automatisch da ist. Wow! Respekt oder Verwunderung?

Probieren wir es mal anders herum. Was ist Vertrauen? Laut Wikipedia bezeichnet man als Vertrauen „die subjektive Überzeugung (oder auch das Gefühl für oder Glaube an die) von der Richtigkeit“. Jetzt wird es spannend: Blockchain garantiert uns also, dass wir persönlich automatisch von der Richtigkeit der transaktionen überzeugt sind. Wir müssen also nicht mehr darüber nachdenken und eine Entscheidung treffen. Es ist einfach so. Sind wir schon so weit? Ist unsere Transformation schon so fortgeschritten, dass wir das können? Sind unsere Denkmuster schon neu kalibriert? Wollen wir das überhaupt? Automatisierter Leichtsinn wie im privaten Bereich (aGb, Social media etc.)?

Mehr Fragen als Antworten?

Gut, Joseph Lubin muss natürlich nicht nur aus Überzeugung, sondern auch marketingseitig sein Projekt entsprechend positionieren. Persönlich finde ich das erst einmal super! In einer Pionierzeit, in der wir aktuell leben dürfen, gibt es immer wieder Menschen mit ausgeprägter kognitiver Hirnmasse. Diese versuchen sich daran, (aus ihrer Sicht) die Welt positiv zu verändern. Das ist gut und zu respektieren. ob nun die Blockchain oder eine andere weiterentwickelte Technologie kommen: Sie wird massive Auswirkungen auf unsere beruflichen Umfelder und unsere Geschäftsmodelle haben. Ob sie nun sicher ist oder nicht, ob wir persönlich ihr vertrauen oder nicht, die Evolution ist nicht aufzuhalten und wir müssen uns in dieser neuen Ordnung zurechtfinden. Gemäß dem Motto „Ain´t no mountain high enough” werden wir auch das schaffen. Es ist alles nur eine Frage des Vertrauens – nicht nur in eine Technologie, sondern auch in die Menschheit und sich selbst.

Gunther Jahn ist Geschäftsführer der auf Kundenmanagement- und Prozesslösungen für die Versorgungswirtschaft spezialisierten DmS Gruppe. dms-gruppe.de

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