Tschüss, Rolex!

2021-10-02T16:24:46+02:0023. September 2021|Tags: , , , , |

Toygar Cinar ist Geschäftsführer der Personalagentur RheinWest HR Solutions in Solingen. Seine Expertise und Beiträge zum Thema, wie Unternehmen heute gute Köpfe finden und binden, sind nicht nur bei LinkedIn-Nutzerinnen und -Nutzern hochgeschätzt.

Herr Cinar, sind Karriere-Chancen heute noch ein Thema, wenn Bewerberinnen und Bewerber mit Ihnen über ihre Wunschjobs sprechen?

Weniger und anders als früher. Viele Menschen arbeiten nicht mehr der Karriere wegen. Karriere in dem Sinne, wie wir sie von unseren Eltern gelernt haben – sehr viel arbeiten, im regelmäßigen Turnus befördert werden und immer mehr verdienen –, wird unwichtig.

Wie erklären Sie sich das?
Die Leute werden mündiger. Viele befreien sich von den alten Denkmustern und hinterfragen den Sinn dessen, was sie tun. Menschen haben ein neues Verständnis von Arbeit . Außerdem haben sie festgestellt, dass es sich auch ohne die klassische Karriere gut leben lässt – und dass anderes wichtiger ist, zum Beispiel die Familie oder die Freiheit zu reisen.

Ist das gut oder schlecht?

Das ist eine schwierige Frage. Ich komme aus einem Haushalt, in dem es sehr wichtig war, immer höher zu streben und immer besser zu werden. Als Papa wünsche ich mir schon, dass auch meine Kinder vorankommen und befördert werden, wenn sie sich für ein Angestelltendasein entscheiden. Die Boomer gehen jetzt in Rente, die Millennials drücken in die Führungspositionen. Ich finde es gut, dass die Menschen mündig sind. Aber: Wir leben in Westeuropa in einer Welt, die uns viel ermöglicht, sei es Bildung, sei es Gesundheit, Kultur, Wohlstand. Das muss finanziert werden. Und das müssen wir verstehen.

Das heißt: Wir müssen durchaus viel arbeiten, wenn wir uns unseren Wohlstand erhalten wollen?

Die Frage ist, wie wir Arbeit definieren – als Zeitspanne zwischen 9 und 17 Uhr? Ich glaube nicht an Jobs. Ich glaube an Rollen. Und ich glaube an Soft und Hard Skills. Derzeit ist es doch so: Ein Finanzbuchhalter kümmert sich um die Finanzen. Ein Vertriebschef kümmert sich um den Vertrieb. Wahrscheinlich haben beide noch ganz andere Fähigkeiten, die man im Unternehmen gut einsetzen könnte – diese Fähigkeiten kennt das Unternehmen aber nicht und kauft sie im Zweifel extern ein. Die Unternehmen haben keine Talentdatenbanken. Wir müssen weg vom Korsettdenken. Es ist egal, wo der Finanzbuchhalter seine Aufgaben erledigt, wenn er sie gut erledigt. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat mehr Fähigkeiten, als für seine tatsächliche Aufgabe notwendig ist. Diese sollte jeder einbringen und einsetzen können.

Welche Fähigkeiten brauchen Menschen denn heute, um eine Führungsposition gut auszufüllen?

Eigentlich nur eine: Emotionale Intelligenz. Sie müssen mit Menschen klarkommen. Sie müssen in der Lage sein, interkulturelle Beziehungen aufzubauen, mit Menschen zu kommunizieren, und sie verstehen und sich über sich selbst und ihre Emotionen bewusst werden. Wenn Sie nicht in der Lage sind, andere Menschen zu verstehen und mit ihnen zu kommunizieren, dann wird das nichts. Aber: Nur ganz wenige Unternehmen bringen Menschen bei, wie sie morgen führen sollen. Das ist ein Problem. Viele Führungskräfte sind vollkommen überfordert.

Und wie kommen die zu ihrer Position?

In klassischen Unternehmen werden diejenigen befördert, die am längsten dabei sind, die etwas am besten können oder die am besten mit dem Chef klarkommen. Aber Betriebszugehörigkeit ist keine Qualifikation.

Das klingt nicht besonders Erfolg versprechend. Apropos Erfolg – gibt es Branchen, in denen sich besonders gut Karriere machen lässt?

Zum Beispiel die Automobilindustrie. Sie erlebt eine Transformation zu mehr Technik, IT und Software. VW hat eine Software-Firma gegründet und stellt dort Leute ohne Abschluss ein –Hauptsache, sie können programmieren. Solche Entwicklungen schaffen Möglichkeiten für Menschen, die früher keine Chance hatten, Karriere zu machen. Rund um die Themen Digitalisierung, vernetztes Arbeiten und Mobilität gibt es viele Möglichkeiten, an die wir vor ein paar Jahren noch gar nicht gedacht hätten. Anderes, wie zum Beispiel der klassische Außendienst für Gebrauchsgüter, verschwindet.

Was bedeutet nun Karriere heute?

Für jeden etwas anderes, da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Wir verbinden Karriere immer mit Status: Früher drückten sich Prestige und Status in dem Mercedes und der Rolex aus. Heute ist es der Luxus, mal ein Jahr lang nicht zu arbeiten. Oder die Flexibilität, im Homeoffice zu arbeiten. Oder die bessere Ausstattung im Homeoffice zu haben. Das hat sich verschoben.

Hatten unsere Eltern also Unrecht?

Das zu sagen wäre undankbar, denn nur durch deren Leistung sind wir dahin gekommen, wo wir heute sind. Es waren gute Tugenden, die unsere Eltern uns beigebracht haben, zum Beispiel: immer besser zu werden. Es ist einfach so, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben.

Interview geführt von: Vera Hermes

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