Weisheit

Wurde sie jemals dringender gebraucht als zurzeit? Wir erleben gerade eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Menschen in jeder Funktion von den Regierenden bis zu jedem Einzelnen in seinem Verantwortungsbereich mit den Herausforderungen des Jahres umgehen. Kann man Weisheit lernen und was ist das überhaupt? Ein Versuch, sich dieser Tugend zu nähern.

 

Judith Glück, eine Wiener Autorin, hat dazu ein Buch geschrieben („Weisheit: Die 5 Prinzipien des gelingenden Lebens“, Kösel-Verlag, Anm. d. Red.) und stellt folgende Thesen und Fragen zur Diskussion: 

 

„Es ist einfacher, einen weisen Menschen zu erkennen, als Weisheit selbst zu beschreiben. Viele von uns denken spontan an den Dalai Lama, an Nelson Mandela, vielleicht an Papst Franziskus. Aber was macht deren Weisheit aus? Und was bedeutet Weisheit eigentlich genau? Fällt sie einem Menschen zu wie eine Gabe, oder beruht sie auf Fähigkeiten, die sich unter Umständen sogar erlernen lassen?“

 

5 Punkte sind ihr in diesem Zusammenhang wichtig:

 

  • Offenheit
  • guter Umgang mit den eigenen Gefühlen
  • Einfühlungsvermögen
  • selbstkritische Reflektion
  • Überwindung der Kontrollillusionen.

 

Das sind zugegeben keine einfachen, aber immerhin greifbare Themen und befreit vom Anspruch, ein zweiter Aristoteles werden zu müssen, um weise zu sein. Das ist schon mal ein Anfang. Aber für die Arbeit an der eigenen Weisheit doch noch sehr global und mit einer Prise Esoterik versehen, die dieses Thema ja immer umschwebt.

 

Dann vielleicht doch lieber der verlockenden Versuchung erliegen, ab und an eine Weisheit einzustreuen, und sich damit trösten, dass alle Weisen eh uralt oder schon tot sind?

 

Zurück zu der Kernfrage von Judith Glück: Kann man Weisheit erlernen? Wohl eher nicht, denn den meisten Weisen ist zu eigen, dass sie sich selbst trotz aller Weisheit für fehlbar halten, was ja schon mal die selbstkritische Reflektion plausibel macht. Aber kann man darauf hinarbeiten, sein Weisheitspotenzial zu trainieren und auszubauen, so wie eine Fremdsprache?

 

Die Summe der Entscheidungen, die wir treffen, könnte wohl den Unterschied sichtbar machen, ob man weise ist oder eher nicht, zumindest machen diese Handlungen es für Dritte transparent. Entscheidungen treffen wir jeden Tag, große und kleine. Allen Entscheidungen ist eins gemeinsam, sie müssen zur richtigen Zeit mit der richtigen Aktion verknüpft werden, um mindestens nicht dumm, im besten Fall sogar weise zu sein. So weit, so gut.

 

Wenn wir noch die 3 offenen Punkte, die die Autorin nennt,

 

  • selbstkritische Reflektion
  • Kennen der eigenen Gefühle und
  • die Kontrollillusion hinter sich lassen

 

beherzigen, könnte es vielleicht noch etwas werden.

 

Schauen wir uns mal unter diesen Voraussetzungen an, wie wir in der Regel Entscheidungen treffen. Es ist der gelernte Dreisprung von:   

Sehen – Bewerten – Handeln.

 

Wenn wir dann noch etwas selbstkritischer mit uns ins Gericht gehen und uns selbst eingestehen, dass wir oft nur sehen, was wir sehen wollen, bewerten in Rekordzeit und am besten ohne Austausch und dann sofort handeln, ist eigentlich schon alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Oder sagen wir es deutlicher, es ist das Gegenteil von weise. Aber erschreckend en vogue.

 

Wenn wir nun die von Frau Glück geforderten Zutaten einbauen, müsste der Entscheidungsprozess eigentlich wie folgt aussehen:

 

Sehen – Hypothesen bilden – Bewerten – Handeln

 

  • In der Wissenschaft bedeutet „Sehen“, so genau wie möglich zu verstehen, was passiert. Ohne Wertung, als reine Beobachtung. Das zahlt schon mal auf Offenheit und selbstkritische Reflektion ein, da es die eigene Meinung von dem Gesehenen und Erlebten trennt.

 

  • „Hypothesen bilden“ heißt, Fragen zu stellen: Was könnte die Ursache dafür sein? Warum verhält sich das so? Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Wenn dies dann im Austausch mit anderen erfolgt, hilft das sehr bei der selbstkritischen Reflektion und gibt Kontrolle ab. 

 

  • „Bewerten“ ist im Unternehmenskontext oft gleichzusetzen mit der zu treffenden Entscheidung: Welche Hypothese ist die wahrscheinlichste, vielleicht auch die gefährlichste oder wichtigste? Hier lernt man viel über sich, denn häufig stoßen die besten Hypothesen auf inneren Widerstand, wenn sie nicht dem eigenen Wunsch entsprechen. Hier bleibt einem fast nichts anderes übrig, als sich kritisch zu hinterfragen –  das ist zwar Gift für Selbstbetrug, aber Balsam für die Weisheit.

 

  • Und dann kommt das Handeln.

 

Diese kleinen Schritte machen also einen gewaltigen Unterschied. In der Hypothesenbildung hinterfragt man, zieht Erfahrungen zurate und schult seinen 360-Grad-Blick. Ein gutes Fundament für weise Entscheidungen. In der Forschung geht es noch penibler zu, aber im Kern ist das Ziel einer Studie, die Beweislast für eine gestellte Hypothese zu bilden. Die Politik hat in diesem besonderen Jahr viele eindringliche Beispiele gegeben, wie gut belegte Hypothesen und Fakten helfen können, Menschen zu retten oder zu gefährden. Die Wissenschaft wusste und weiß in dieser Pandemie vieles nicht, aber sie war sich nicht zu fein, sich zu korrigieren, wenn die Erkenntnisse eine andere Hypothese erforderlich machten.

 

Fazit:

 

Ich bin mir sicher, man kann seine eigene Weisheit trainieren und ausbauen. Nichts wird einem geschenkt. Aber, und das ist das Positive daran, es kann einen keiner wirklich hindern, weise zu werden, wenn man es denn möchte.

 

So und nun zu guter Letzt noch ein Tipp für den berühmten ersten Schritt auf dem Weg zur Weisheit . Haben Sie etwas Geduld mit sich. Aus einem lang gelernten Verhalten kommt man nicht sofort raus, aber etwas weiser zu werden ist ja auch eine gute Rendite, für die es sich lohnt dranzubleiben.

 

Text: Thomas Hohlfeld

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