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vernetzt! Ausgabe 6 - KOMPLEXITÄT

Wie Bezahlen einfach wird

von Nils Winkler

Es ist schon ein stressiges Leben, das wir führen. Ein jeder von uns ist ständig und immer wieder aufs Neue Optionen ausgesetzt – Punkten, an denen man etwas tun, sich entscheiden muss. Auswählen muss. Das Leben ist komplex geworden in einer Welt, in der man den Stromanbieter wechseln kann und nicht mehr automatisch von den Stadtwerken bedient wird. In der man quasi sein ganzes Leben mit Smartphones organisieren kann. In der es den Anschein hat, immer und überall alles bekommen zu können. Diese Omnipräsenz von Auswahlmöglichkeiten und der ständige Druck, sich zu entscheiden, sind ein Zeichen unserer Zeit. Dass all dies in Echtzeit stattfindet, macht es nicht einfacher. Es kann in Stress ausarten, wenn man mit den Entwicklungen Schritt halten will, sich beim soundsovielten Social Network anmeldet, um der Welt seinen aktuellen Status, Standort, letzten Einkauf mitzuteilen. Oder den Gemütszustand: „Veröffentlichen Sie Ihre Stimmung mit niedlichen Stimmungs-Wetter-Symbolen! Teilen Sie Ihre Stimmung mit Ihren Freunden!“

Längst gibt es eine Gegenbewegung – Menschen, die sich dem Diktat der Auswahlmöglichkeiten, des Lebens in Echtzeit, und dem extremen Kommunikationstempo entziehen wollen. „Off the Grid“ – außerhalb des Netzes wollen sie leben. Oft nicht nur ohne Internet und Handys, sondern ganz abseits, nahezu ohne in den Weiten Nordamerikas oder sonst wo Spuren zu hinterlassen. Etliche zehntausend Menschen sollen sich dieser Bewegung inzwischen angeschlossen haben – so viele, wie eine mittlere Stadt Einwohner hat. Selbstverständlich sind auch die Off-Gridler gut vernetzt und haben ihre eigene Internet-Community (www.off-grid.net).

Diese Art der Verweigerung gibt es aber nicht nur im Extremen, sondern auch im alltäglichen Leben – überall. Niemand kann alle Trends mitmachen, überall seinen Status aktualisieren, Informationen teilen, sich an seinem Standort „einchecken“. Jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise selektiv. Und verweigert damit einen Teil der Errungenschaften, mit denen wir uns umgeben.

Schaut man sich etwa die Nutzungszahlen der Dienste im Vergleich an – und zwar in Bezug auf die Gesamtbevölke- rung –, tritt zwar noch keine Ernüchterung ein, aber Euphorie kommt auch nicht auf: Eine Studie von Pew Research aus dem Januar 2012 hat ergeben, dass 35 Prozent der deutschen Erwachsenen online sind und Social-Media-Angebote nutzen; dem stehen aber 44 Prozent gegenüber, die die Angebote nicht nutzen. 21 Prozent nutzen das Internet gar nicht. Spannend ist diese Zahl auch, da man durchaus den Eindruck gewinnen könnte, dass immer alle überall online sind. Selbst in den USA, der Mutter aller Internet-Länder, sieht das Bild kaum anders aus. Bemerkenswert ist dabei Russland: Dort nutzen nur sechs Prozent der Internet-User keine sozialen Netzwerke, wobei allerdings auch weniger als die Hälfte der Russen überhaupt über einen Internetzugang verfügen. Diese Zahlen können exemplarisch gesehen werden. Schlüsselt man sie demografisch auf, ergibt sich ein noch extremeres Bild.

Auch beim aktuellen Trendthema Smartphone ist das so. Der Absatz dieser Wundergeräte steigt rasant, zweistellig. Zuletzt wurden in Deutschland Wachstumsraten von 31 Prozent in 2011 gemeldet – eine Zunahme von 11,8 Millionen Stück im ganzen Jahr (Bitkom). Das ist zwar viel, sagt aber nichts darüber aus, wie diese Geräte eingesetzt werden. Exemplarisch kann man auf den W3B-Report „Mobile Commerce – Einkaufen mit dem Smartphone“ verweisen, aus dem hervorgeht, dass 15 Prozent der deutschen Smartphone-Nutzer ihr Handy in der Vorweihnachtszeit 2011 zur Recherche für Geschenke und eben nicht zum Einkaufen genutzt haben. Allerdings ist das Potenzial gigantisch. Werfen wir einen Blick in die USA, aktuell Vorreiter in Sachen Mobile Payments: Hier prognostiziert eine Studie von Deloitte für 2012, dass die Altersgruppe der 18- bis 26-Jährigen (39 Prozent) und der 27- bis 39-Jährigen (31 Prozent) die intensivsten Nutzer sein werden. Je mehr Geld die Menschen zur Verfügung haben – was oft mit einem fortgeschrittenen Lebensalter einhergeht –, desto geringer ist die Ausprägung, mobiles Bezahlen zu nutzen. Und dann auch nicht für den neuen Flachbildfernseher, sondern für Burger, Zugfahrkarten und Chai Latte. Die Zahlen für den Anteil dieser Transaktionen schwanken, es sind aber auf jeden Fall mehr als 80 Prozent.

Auf welche Art „funden“ Amerikaner die Guthaben für ihre mobilen Zahlungstransaktionen am liebsten, das heißt, welche Geldquelle ist ans Handy gekoppelt? Auch darauf hat Deloitte eine Antwort: Zu 57 Prozent tun sie dies mit Debit- Karten, das ist zum Beispiel die Maestro-Karte der Hausbank. Und zu 69 Prozent mit Kreditkarten. Immerhin 48 Prozent wollen gern mit vorhandenem Guthaben zahlen. Und welche Art des mobilen Zahlens erachten 89 ausgesuchte Branchen-Executives als die zukunftsträchtigste? Hier antworten 27 Prozent, also 24 Executives, dass das NFC sei. NFC steht für Near Field Communication, kleine Funk-Chips also, die Zahlungstransaktionen legitimieren können.

Kein Wunder, dass Visa mit PayWave und Mastercard mit Paypass ihre Karten mit NFC-Chips aufrüsten, sodass man sie nur noch auf ein NFC-Terminal im Laden legen muss, um zu bezahlen. Sogar NFC-Aufkleber gibt es, die man bei seiner Kreditkarten-Bank bestellen und auf sein Handy kleben kann. Denn die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass „die eingeschränkte Verfügbarkeit von entsprechenden Geräten“ eine Akzeptanz von Mobile Payment in weiten Bevölkerungsschichten bisher verhindert hat. So hört man, dass der Chef eines bekannten US-amerikanischen Online-Bezahldienstes gesagt haben soll, NFC stehe für „not for commerce“ – freilich nicht, ohne in anderen Ländern Feldstudien mit NFC zu starten. Am Ende ist die Verbreitung entsprechender Geräte aber tatsächlich ein kritischer Faktor. Laut Deloitte werden in 2014 nur 13 Prozent aller Smartphones eingebaute NFC-Chips haben. Dabei handele es sich um 13 Prozent der Smartphones, die dann zum Kauf stünden, und nicht etwa um 13 Prozent derer, die sich bereits im Besitz der Menschen befinden. Auch die Handy-Netzbetreiber mischen inzwischen mit und rüsten die SIM-Karten der Handys mit NFC-Chips auf, um vom Telefonkonzern zur Bank zu mutieren.

Gute Beispiele für Mobile Payment gibt es freilich auch: In Asien, vornehmlich Korea und Japan, ist mobiles Bezahlen seit Jahren erfolgreich, von der Bevölkerung akzeptiert und wird intensiv genutzt. Allerdings basiert es dort auf einer ganz anderen Technologie, der Markt ist fest aufgeteilt und die Regeln sind definiert.

In der westlichen Welt sieht sich der Konsument eher einer verwirrenden Angebotslandschaft ausgesetzt. Mobile-Payment- Anbieter gibt es schon viele, nur nimmt die Öffentlichkeit sie kaum wahr, weil die meisten Smartphone-Nutzer schon ganz zufrieden sind, wenn sie nur die vorinstallierten Apps nutzen. Das gilt auch für iPhone-Nutzer, die viel mehr Apps herunterladen (in absoluten Zahlen) als Android-Handy-Nutzer, obwohl die Marktanteile eigentlich etwas deutlich anderes erwarten lassen sollten. Kreditkarten werden plötzlich eWallets. Die Handyrechnung wird zum Mobile Wallet. Handy-Netzbetreiber schmieden Allianzen und trennen sich wieder.

Und letztlich müsste man sich an mehreren Stellen registrieren und Guthaben aufladen, um wirklich überall bargeldlos zahlen zu können. Dann braucht man eine Karte, ein Handy, ein eWallet für die Online-Bezahlung. Und vielleicht noch einen NFC-Chip auf der Karte, auf dem Handy oder irgendwo draufgeklebt.

In einem Forum habe ich kürzlich den Hinweis eines Nutzers gelesen: Das Wallet, also die Brieftasche, werde erst dann überflüssig, wenn auch der Ausweis und der Führerschein, sämtliche Kundenkarten und was man sonst noch mit sich herumschleppt in einer international anerkannten Weise auf einem Teil gespeichert seien – egal ob Handy oder Karte oder was auch immer. Es ist schlicht zu kompliziert.

Schauen wir vier Absätze zurück, sehen wir den Verweis auf Asien. In Japan ist es simpel für die Konsumenten, ohne Bargeld zu bezahlen. Diese schöne Welt hat NTT DoCoMo, der dort größte Mobilfunk-Anbieter, geschaffen. Es ist ein standardisierter Payment-Markt für bargeldlose Transaktionen. Die Firma hat erheblich in den Aufbau dieses Mikrokosmos investiert und viele Firmen zugekauft, die alle Stufen der Wertschöpfungskette abdecken. Aber auch Wettbewerber, Banken und Kartenfirmen haben investiert und Angebote gestartet. Erfolgreich waren all diese aber erst, als sie standardisiert wurden, es für alle die gleiche Hardware gab und der Händler nicht mehr fünf Terminals an seiner Kasse aufstellen musste, sondern nur noch eins. So wurde das japanische Mobile-Payment-Angebot bequem für Konsumenten und Händler und erlebte seinen Durchbruch.

Dass es bei uns anders ist, ist der Grund dafür, dass sich die schöne neue Welt des bargeldlosen Zahlens bisher noch nicht richtig durchgesetzt hat – bei aller Zuversicht, dass dieser Punkt nicht mehr weit entfernt ist. Klassische Varianten des bargeldlosen Zahlens sind den Deutschen nach wie vor am liebsten, allen voran die Überweisung, nachdem die Ware zusammen mit einer Rechnung zugeschickt worden ist.

Inzwischen gibt es mehrere Unternehmen wie zum Beispiel RatePay in Berlin, die Online-Händlern beim Verkauf gegen Rechnung oder in Raten das Risiko des Zahlungsausfalls abnehmen und so einen erheblichen Mehrwert für Konsumenten (und damit Händler) bieten. Es folgt die Zahlung mit Kreditkarte. Reine Online-Zahlungsmethoden landen oft abgeschlagen auf den hinteren Rängen und finden nur dann entsprechende Akzeptanz, wenn ein Verkauf gegen Rechnung nicht angeboten wird. Das Bild ist also nicht viel anders als im Mobile Payment, wenngleich die Reichweite weit größer ist, auch weil es Online-Payment-Dienste schon länger gibt und man unterstellen kann, dass intensive Internet-Nutzer eine andere Affinität dazu aufweisen. Am Ende ist es aber zu kompliziert für Konsumenten und Händler. Standards fehlen.

Und daher haben wir uns entschieden, mit Yapital einen ganz anderen Weg zu gehen. Bargeldloses Zahlen ist für uns das Zahlen ohne Bargeld und nicht E-Payment oder M-Payment. Gemein haben alle Systeme, dass nicht etwa Geld auf dem Handy oder der Karte ist, sondern auf einem Konto, das bei einem Anbieter geführt wird. Deswegen muss man sich aktuell immer und überall neu anmelden, wenn man alle Optionen nutzen und wirklich unabhängig sein will. Im Laden, egal ob stationär, auf dem Handy oder im Internet, legitimiert man sich auf die eine oder andere Weise, um seine Bezahlung vorzunehmen. Mit seiner Kartennummer und einer PIN. Oder mit E-Mail-Adresse und Passwort. Über einen NFC-Chip, auf dem die persönlichen Zahlungsdaten programmiert sind, oder indem man mit einem Handy einen zweidimensionalen Barcode (QR-Code) fotografiert. Oder auf irgendeine andere Weise, die dann dem Konto meldet: Diese Zahlung soll ausgeführt werden. Ist sie genehmigt?

Die Logik, die das System benötigt, liegt dabei immer auf dem Server des Anbieters und eben nicht auf dem Medium, mit dem man seine Transaktion legitimieren möchte. Warum also nicht diese Medien auf das reduzieren, was sie sind: ein Mittel zum Zweck, ein Autoschlüssel, ohne den ich nicht losfahren kann? Oder der Haustürschlüssel, ohne den ich meine Wohnung nicht betreten kann? Oder mein Büroschlüssel? Wie die Schlüssel am Schlüsselbund kann man so die verschiedenen Methoden, Zahlungstransaktionen zu legitimieren, an einem Ort bündeln.

Der Vorteil: Man muss dann nicht mehr nachdenken, ebenso wie man einfach seinen Schlüsselbund aus der Tasche holt, wenn man die Tür aufschließen will. Diese Form der Simplifizierung ist das Ziel, das wir verfolgen. Es soll dem Konsumenten überlassen sein, wie er wann bezahlen will, und es soll ihm nicht schwerfallen. Insofern führen wir den Wildwuchs in der Branche zusammen in ein zentrales System, das bargeldloses Zahlen erstmalig umfassend betrachtet und alle Kanäle abdeckt. Ganz einfach und attraktiv für breite Bevölkerungsschichten, auch für die ohne ausgeprägte Online-Affinität. Und wer weiß, vielleicht kann man die Bücher über das Leben als Aussteiger auf „off-grid“ bald bargeldlos bezahlen.

Nils Winkler ist Geschäftsführer von Yapital in Hamburg. Das Tochterunternehmen von OTTO – nach Amazon der zweitgrößte Online-Händler der Welt – baut einen neuen Online- und Handy-Bezahldienst auf. Yapital soll ein übergreifendes Zahlungsmittel für das moderne Leben werden und das Bezahlen für uns alle ganz einfach machen.