WIRTSCHAFTSMEDIATION – Umdenken beim Umgang mit Konflikten

2020-11-27T17:32:51+01:0015. September 2015|Tags: , |

Bewegung erzeugt Reibung. Konflikte gehören deshalb in agilen Unternehmen zum Alltag. Schädlich sind sie nur, wenn sie ungelöst bleiben oder vor Gericht ausgefochten werden, dann droht die Rentabilität zu leiden. Diesen oft unbemerkten, aber nicht ohne Folgen bleibenden Konfliktschäden wirkt die Wirtschaftsmediation entgegen.

AKTIVES KONFLIKTMANAGEMENT IST GEWINNBRINGEND

Produktivitätsverluste durch sinkende Motivation von Mitarbeitern, das Scheitern von Partnerschaften und Kunden-Lieferanten-Beziehungen, der Aufwand der Rechtsverfolgung und Imageschäden durch schlechte Presse: Müssten Bilanzen solche Effekte als Pas- siva ausweisen, stünde aktives Konfliktmanagement weiter oben auf der Tagesordnung der Unternehmen. Eines der erfolgreichsten Verfahren, Streit in eine kooperative und gewinnbringende Ausein- andersetzung zu wandeln, ist die Wirtschaftsmediation. Während diese zum Beispiel in den USA bereits seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert wird, verhalten sich viele deutsche Unternehmen noch abwartend. Dies liegt auch an fehlenden Informationen über die Mediation. WAS IST MEDIATION? Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, in welchem die Parteien mit Unterstützung des Mediators die Konfliktlösung unter Berück- sichtigung ihrer jeweiligen Interessen selbst aushandeln. Anders als vor Gericht delegieren sie die Entscheidung also nicht – auch nicht an den Mediator. Er ist weder Anwalt noch Richter, sondern ein neutraler Experte für die Kommunikation im Konflikt. Schritt für Schritt leitet er die Parteien in vertraulichen Gesprächen vom Schlagabtausch zum konstruktiven Austausch über gemeinsame Interessen. Empirische Studien belegen, dass die Parteien in acht von zehn Fällen mit der Unterstützung des Mediators eine Einigung erzielen, und zwar schon nach wenigen Terminen, was in erheblichem Umfang Zeit und Kosten spart. Nicht selten kommt es zu einem positiv überraschenden Ausgang, namentlich einer Lösung, die den Parteien neue, zukunftsweisende Perspektiven für eine gewinnbringende Zusammenarbeit eröffnet.

KOOPERATION STATT KONFRONTATION

Ich möchte Ihnen das Verfahren mit einem kleinen Beispielsfall aus der Praxis näherbringen: Ein Software-Unternehmen, das für ein großes Customer-Service-Center ein maßgeschneidertes Programm entwickelt, gerät in Verzug. Der Kunde stoppt Zahlungen, der protestierende Entwickler gerät in Finanznot. Beide Seiten beharren auf ihrem „guten Recht“, und als Folge droht das für beide schlechteste Resultat: Der Entwickler geht in Konkurs, das Service- Center kann die bisherigen Zahlungen abschreiben und erleidet mangels wettbewerbsfähiger Software empfindliche Nachteile. In dieser scheinbar ausweglosen Lage lassen sich die Parteien auf eine Wirtschaftsmediation ein – und finden bald eine Lösung, die ihnen auch im Vergleich zur Ausgangslage einen Mehrwert beschert: Nachdem sich der Entwickler zum Verzug bekannt und aufgedeckt hat, dass Liquiditätsengpässe die Ursache waren, und das Service-Center die Qualität der bisherigen Entwicklungsschritte anerkannt hat, verständigen sie sich auf ein für beide Seiten aussichtsreiches Joint Venture.

DER WEG ZUR MEDIATION

Unternehmen sollten berücksichtigen, dass Konflikte, dem sachlichen Auftreten der Argumente zum Trotz, egal ob in der Projektgruppe, zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat, zwischen Arbeitnehmern, bei Gesellschafterauseinandersetzungen oder Regelung der Unternehmensnachfolge etc., auf der Beziehungsebene entstehen. Erste Aufgabe des Mediators ist deshalb stets, der emotionalen Seite des Konflikts zu ihrem Recht zu verhelfen. Er gibt den Parteien Raum, ihren Unmut zu äußern und schenkt ihnen seine Aufmerksamkeit. Das mindert den Druck und stärkt die im Konflikt gestörte Bereitschaft, sich selbst und den anderen diffe- renziert zu beurteilen. Der richtige Zeitpunkt für die Sachfragen, in deren Mittelpunkt zwei Überlegungen stehen: Was die Parteien bei einem Scheitern der Verhandlung zu verlieren hätten und ob es nicht gemeinsame Interessen gibt, für die sich die Suche nach konstruktiven Lösungen lohnt. Als Katalysator nutzt der Mediator in diesem Stadium nicht zuletzt Fragetechniken, die den verengten Blick Richtung Zukunft weiten. So wandeln sich sukzessive starre, gesprächsfeindliche Forderungen in einen offenen Dialog.

KOSTEN DER WIRTSCHAFTSMEDIATION

Die Überlegung, eine Mediation anzustreben, wird häufig auch unter Kostengesichtspunkten bewertet. Hierbei sind nicht nur Honorare und Verwaltungskosten entscheidende Kenngrößen. Vielmehr muss der Faktor Zeit- und Ressourcenbindung gegenüber der herkömmlichen, gerichtlichen Auseinandersetzung in Relation gestellt werden. Die Mediationskosten unterteilen sich in Stundensätze von rund 200 bis 400 Euro netto, je nach Komplexität und Streitwert, häufig werden auch Tagessätze ab 1.250 Euro netto vereinbart. Zusätzlich werden Auslagen wie Fahrtkosten, Recherchetätigkeiten und Tagungspauschalen separat erstattet. In der Regel werden die Gesamtkosten einer Mediation von den beteiligten Parteien verhandelt und je zur Hälfte getragen. Bei einer Wirtschaftsmediation innerhalb von Unternehmen mit Mitarbeitern werden die Kosten üblicherweise vom Arbeitgeber übernommen, um das divergierende Kräfteverhältnis auszugleichen und die Bereitschaft der konstruktiven Konfliktbeilegung zu ver- deutlichen. Zum Vergleich: Im Zivilprozess trägt die unterliegende Partei alle Gerichts- und Anwaltskosten, auch die der anderen Partei. Entsprechend groß ist der Aufwand, den die Parteien betreiben, um ihr Verlustrisiko zu minimieren. Ein Rechtstreit löst nicht nur Gerichts- und Anwaltskosten aus, er bindet und blockiert so in den beteiligten Unternehmen vielfältige Ressourcen und menschliche Energien – nicht selten über Jahre hinweg. Mit dem Einsatz von Mediation ist dieses wertvolle Potenzial schneller freigesetzt und wieder im Unternehmen verfügbar. Die Vertraulichkeit der Mediation verhindert außerdem unkalkulierbare Folgekosten und Imageschäden. Die Vorteile der freiwilligen kooperativen Verfahren liegen in der Gestaltung und Entscheidungsmöglichkeit über den Verfahrensablauf, der Entwicklung der Lernbereitschaft für Konfliktbewältigung und einer dementsprechenden ressourcenschonenden Aufgabenbewältigung.

Bei unternehmensübergreifenden Konflikten gelingt es, Verständnis für die wirtschaftliche Situation des anderen Unternehmens und dessen Beweggründe zu entwickeln. Durch die Berücksichtigung der wahren Interessen der Parteien ist es möglich, wirtschaftlich sinnvolle Ergebnisse und eine Win-win-Lösung, auch für die Zukunft gemeinsamer Geschäftsbeziehungen, zu erzielen.

DIE VORTEILE DES VERFAHRENS AUF EINEN BLICK

1 AUSSICHT AUF ERFOLG

In rund 80 Prozent der Mediationsverfahren haben die Parteien Erfolg und finden mithilfe des Mediators eine Lösung.

2 KONTROLLE

Der Mediator bringt sein Know-how als Kommunikations- und Verhandlungsmanager ein, doch das Heft des Handelns behalten die Parteien in jedem Stadium des Verfahrens in der Hand. Sie allein entscheiden über den Ablauf, Ausgang oder Abbruch des Verfahrens.

3 NACHHALTIGKEIT

Durch die Selbstgestaltung der Lösung und Berücksichtigung der jeweiligen Interessen werden Lösungen mit Nachhaltigkeitscharakter geschaffen. Zudem können zukünftige Konflikte leichter bewältigt werden.

4 SCHNELLIGKEIT UND FLEXIBILITÄT

Entgegen dem klassischen Gerichtsverfahren bestimmen in der Wirtschaftsmediation die Parteien selbst, wann, wie lange und wie häufig Sitzungen stattfinden. Meist reichen wenige Termine, um zu einer Einigung zu gelangen.

5 ÜBERSICHTLICHE UND ÜBERSCHAUBARE KOSTEN

Mediatoren rechnen gewöhnlich nach Stundenhonoraren oder Tagessätzen ab, sodass die anfallenden Kosten stets kontrollierbar sind. Die Mediation ist auch kostengünstiger als die Alternativen, ein Gerichtsverfahren in derselben Angelegenheit ist im Schnitt rund dreimal so teuer.

Erlauben Sie mir ein persönliches Wort zum Abschluss: Heute suchen innovative Unternehmen immer stärker nach Alternativen, die Unwägbarkeiten von Gerichtsurteilen und das Kostenrisiko durch wirtschaftliche Alternativen zu ersetzen. Nach meiner Erfahrung ist die Mediation die wirtschaftlichste und gewinnbringendste Alternative.

PEGGY TOLKSDORF ist Rechtsanwältin und Wirtschaftsmediatorin in Dortmund. Neben ihrer Kanzlei bietet Peggy Tolksdorf mit ihrem Unternehmen DIALOGIS Mediation und Coaching an. Warum? „In meiner nunmehr 14-jährigen Tätigkeit als Rechtsanwältin musste ich oft miterleben, wie die Parteien bei Gericht zeit- und kostenintensiv mit ihrem Konflikt in die Öffentlichkeit gezerrt wurden und dann erleben mussten, dass dort häufig nicht mehr Recht gesprochen wird, sondern das Gericht immer öfter in Vergleiche zwingt, die aber die hinter dem Konflikt liegenden Interessen in keiner Weise berücksichtigt haben“, schreibt sie auf ihrer Webseite.

Kontakt unter: tolksdorf@dialogis.coach

 

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